Gute Gewohnheiten statt ‚böse’ Lebensmittel

 

Bäckerzeitung 34. 2014
 

Welche wissenschaftlichen Beweise gibt es dafür, dass die Diskreditierung einzelner Lebensmittel zu einer Gesellschaft frei von Gewichtsproblemen und Zivilisationskrankheiten führt?Das forum. ernährung heute (f.eh) stellte die Frage nach dem Sinn und Unsinn moralisierender und restriktiver gesundheitspolitischer Ansätze.

Im Kampf gegen Übergewicht und Fettsucht forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jüngst länderübergreifend strengere Regeln und Gesetze: Unter anderem sollen fett-, zucker- und salzreiche Lebensmittel besteuert werden. Auch Werbeverbote sind im Gespräch. 

Die Zuschreibung von ‚gut’ und ‚böse’ ist jedoch generell trügerisch. Das lässt bereits der autoritäre Erziehungsstil im Struwwelpeter, einem der bekanntesten Kinderbücher, vermuten und trifft auch beim Essen zu. „Psychologisch betrachtet bewirkt die Dämonisierung von vermeintlich ungesunden Lebensmitteln nämlich nicht den gewünschten Verzicht, sondern macht diese besonders attraktiv. Die Überschreitung des Verbots wird zum Genuss“, so der deutsche Psychologe Christoph Klotter.

„Der Zweck heiligt die Mittel nicht. Wissenschaftliche Beweise und Erfahrungen, dass steuerliche Maßnahmen, Warnhinweise oder Werbeverbote das Ernährungsverhalten in eine gewünschte Richtung beeinflussen, fehlen bis heute“, sagt Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute. So wurde die 2012 in Dänemark eingeführte Fettsteuer mangels Effektivität bereits nach einem Jahr wieder aufgelassen. Einer US-amerikanischen Studie zufolge müsste sich der Preis unerwünschter Lebensmittel um 20 % erhöhen, damit sich deren Konsum merkbar reduziert. Politisch schwer durchsetzbar, benachteiligt ein Preissprung in dieser Größenordnung doch Menschen mit niedrigem Einkommen besonders stark und schränkt dazu die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der und des Einzelnen in einer liberalen Gesellschaft ein. „Förderlich könnten hingegen finanzielle Anreize sein: So führte eine 50 %ige Preisreduktion bei Obst und Gemüse in einer kanadischen High-School zu einer Verkaufssteigerung von 400 % bei Obst und von 200 % bei Karotten“, berichtet Gruber.

„Die Gründe für eine übermäßige Gewichtszunahme sind so vielfältig wie das Leben. Bei allen Wechselwirkungen und Einflüssen lassen sich jedoch lediglich zwei direkte Parameter ausmachen: die Energiebilanz und biologische Faktoren“, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin.

 


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